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"KI gehört für mich nicht in die IT-Strategie. Sie gehört in die Unternehmensstrategie."

Mathias Ebneter, CEO der Netsafe AG, über KI-Euphorie, gescheiterte Projekte und die Frage, warum sich Verwaltungsräte heute mit künstlicher Intelligenz beschäftigen müssen.
30. September 2026 durch
"KI gehört für mich nicht in  die IT-Strategie. Sie gehört in  die Unternehmensstrategie."
Netsafe AG

Mathias, gefühlt spricht derzeit jedes Unternehmen über KI. Wie siehst du das?
Ich finde die Entwicklung faszinierend. Gleichzeitig habe ich manchmal das Gefühl, dass wir uns zu stark mit den Werkzeugen beschäftigen. Heute ist es ChatGPT, morgen ein neuer Copilot und übermorgen der nächste KI-Agent. Die spannende Frage ist doch eine andere: Was bringt das meinem Unternehmen?

Für mich ist KI deshalb kein klassisches IT-Thema. Sie wird verändern, wie wir arbeiten, wie wir Wissen nutzen und teilweise auch, wie wir Geschäfte machen. Das gehört auf die strategische Ebene.

Warum scheitern deiner Meinung nach so viele KI-Projekte?
Weil viele Unternehmen mit der Technologie anfangen. Man kauft ein Tool, macht einen Pilotversuch und schaut dann, was passiert. Ich würde es genau andersherum machen. Zuerst muss ich wissen, welches Problem ich lösen möchte.
Wir sehen bei Kunden beispielsweise Prozesse, bei denen Mitarbeitende immer wieder dieselben Informationen zusammensuchen, Dokumente prüfen oder Antworten aus verschiedenen Systemen zusammentragen. Dort kann KI einen enormen Nutzen bringen. Aber nur weil etwas mit KI möglich ist, heisst das noch lange nicht, dass es auch sinnvoll ist.

Du gehst sogar so weit zu sagen, dass KI ein Thema für den Verwaltungsrat ist.
Ja. Und ich meine das ernst. Ein Verwaltungsrat muss heute nicht wissen, welches KI-Modell gerade das Beste ist. Aber er sollte sich fragen, was KI mit dem eigenen Geschäftsmodell macht. Was passiert mit unseren Dienstleistungen? Welche Aufgaben verändern sich? Wo entstehen neue Chancen? Wo liegen Risiken? Und was passiert, wenn ein Wettbewerber drei Jahre schneller ist als wir?

Wenn man diese Fragen erst stellt, wenn KI bereits überall im Unternehmen angekommen ist, hat man einen Teil der Entwicklung verpasst.

Wie geht Netsafe mit diesem Thema um?
Wir haben einen grossen Vorteil: Wir kommen nicht ursprünglich aus der KI-Welt. Netsafe beschäftigt sich seit vielen Jahren mit IT-Infrastruktur, Security, Cloud und Daten. Wir wissen deshalb ziemlich genau, was Unternehmen beschäftigt, wenn es um sensible Daten geht.

Gerade bei unseren Kunden aus Gemeinden, Gesundheitswesen und anderen sensiblen Bereichen ist die Frage «Wo liegen meine Daten?» keine Nebensache. Mit netsafeAI bringen wir diese Erfahrung mit künstlicher Intelligenz zusammen. Wir wollen nicht einfach den nächsten Chatbot bauen. Unser Anspruch ist, dass Unternehmen ihr eigenes Wissen und ihre eigenen Daten sinnvoll mit KI nutzen können – sicher, nachvollziehbar und mit der notwendigen Datenhoheit.

Was bedeutet das in der Praxis?
Wir starten nicht mit der Frage: «Welche KI-Lösung möchtest du kaufen?» Wir schauen zuerst gemeinsam auf das Unternehmen. Wo gibt es Prozesse, die unnötig Zeit kosten? Wo steckt Wissen, das heute nur schwer zugänglich ist? Welche Daten sind vorhanden? Was darf eine KI überhaupt wissen? Und wo ist der Einsatz vielleicht schlicht nicht sinnvoll?

Erst danach sprechen wir über die Technologie. Deshalb gehören für uns auch Consulting und netsafeAI zusammen. Wir wollen unsere Kunden nicht mit einer Technologie alleine lassen. Wir wollen sie von der ersten Idee bis zur konkreten Umsetzung begleiten.

Ihr seid also nicht einfach ein weiterer Anbieter von KI-Software?
Das wäre zumindest nicht mein Anspruch. Wir sind ein IT-Unternehmen. Unsere Stärke liegt darin, dass wir Technologie verstehen, aber gleichzeitig wissen, wie sie im Alltag eines Unternehmens funktionieren muss.

Ein Projekt ist für mich nicht erfolgreich, weil ein Modell eine beeindruckende Antwort liefert. Es ist erfolgreich, wenn ein Mitarbeiter am Ende tatsächlich Zeit spart, ein Prozess besser funktioniert oder eine Entscheidung schneller und besser getroffen werden kann. Das klingt vielleicht banal. In der Praxis wird es aber erstaunlich oft vergessen.

Netsafe hat kürzlich als eine der ersten Schweizer Firmen die ISO/IEC 42001:2023 erreicht. Warum war euch das wichtig?
Weil wir bei diesem Thema glaubwürdig sein wollen. Wenn wir unseren Kunden erklären, dass künstliche Intelligenz nicht nur aus einem Modell besteht, sondern auch Fragen zu Verantwortung, Risiken, Prozessen und Governance aufwirft, müssen wir diese Themen selbst ernst nehmen.

Die ISO 42001 ist deshalb für mich kein Zertifikat, das wir einfach auf unsere Website stellen. Die Auseinandersetzung damit hat uns auch intern geholfen, KI noch ganzheitlicher zu betrachten.

Was treibt dich persönlich bei diesem Thema an?
Mich interessiert Technologie immer dann, wenn sie ein echtes Problem löst. Bei KI ist das Potenzial nochmals eine andere Dimension. Wir können heute mit Informationen und Wissen arbeiten, wie es vor wenigen Jahren schlicht nicht möglich war.

Und ich bin überzeugt, dass gerade die Schweiz hier eine Chance hat. Wir müssen nicht versuchen, bei jedem neuen KI-Modell aus den USA oder China der Schnellste zu sein. Unsere Stärke kann Vertrauen sein: sichere Infrastruktur, Datenschutz und ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten. Genau da sehe ich auch die Rolle von Netsafe.
Ich möchte nicht, dass wir einfach auf den KI-Zug aufspringen. Ich möchte, dass wir mitgestalten, wie Unternehmen KI sinnvoll, sicher und verantwortungsvoll einsetzen. Für mich ist netsafeAI deshalb auch mehr als ein neues Produkt. Es ist ein wichtiger Schritt in der Entwicklung von Netsafe.
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